Wir sind immer gleich dumm

Die Menge an Dummheit, die wir durchschnittlich von uns geben – auch gemeingefährlicher Dummheit – ist nicht vom Kanal abhängig, in dem wir diese Äußerungen treffen.

Ich nehme die Twitter- und Facebook-Postings der letzten Tage, die rund um eine VÖZ-Veranstaltung (Verband Österreichischer Zeitungen) zur „Woche des Zeitungslesens“ entstanden sind zum Anlass, hier einmal nachzudenken, ob man es denn wirklich so unwidersprochen aufnehmen kann, dass das Netz und hier vor allem die sozialen Medien eine Brutstätte für Hass, Frust und Dummheit sind.

Im Rahmen dieser Diskussion, in der sich vor allem die üblichen Vertreter der Print- und „Qualitäts“-Medien selbst als Hüter der einzig wahren Diskussionskultur feierten und ihre Medien als unersetzbare Quellen glaubwürdiger Orientierung orteten, äußerte sich NZZ.at-Chefredakteur Michael Fleischhacker, folgendermaßen:

„Die Meinungen in sozialen Medien sind oft qualifizierter als die Meinungen von Journalisten. Der durchschnittliche Kommentator in einem Medium hat oft weniger Expertise als viele Teilnehmer in sozialen Netzwerken. Ich habe nicht den Eindruck, dass soziale Medien selbstreferenzieller sind als die gedruckten Medien in Österreich. Der Diskurs ist offener, breiter und egalitärer geworden.“ Fleischhacker glaubt auch nicht, dass die Medien die Meinungshoheit zurückgewinnen können.

Eine solch unverhohlene Ketzerei gegen die einzig wahren Hüter der endgültigen Wahrhaftigkeit konnte natürlich nicht unwidersprochen bleiben und so folgten darauf in panikartiger Geschwindigkeit Postings, die auf Artikel und Vorträge verwiesen, die zu einem gänzlich anderen Schluß kamen.

So holte sich Christoph Kotanko, Wien-Korrespondent der „Oberösterreichischen Nachrichten“, Schützenhilfe vom deutschen Blogger Sascha Lobo, der im Spiegel seinen Frust über die „nicht mehr auszuhaltende Dummheit“ im Netz freien Lauf ließ. In seinem Artikel kommt er zu dem Schluß, dass sich in sozialen Netzen oft gar nicht Hass, sondern simple Dummheit Bahn bricht und ergießt sich dann in detailgetreuen Erregungen über fehlendes Kausalitätsverständnis sowie das Nicht-Vorhandensein von Argumenten.

Armin Wolf, ORF-Anchorman und Übervater aller österreichischen Twitterati, zitiert lieber Frau Brodnig, Medienredakteurin des Nachrichtenmagazin Profil und damit Nabelbeschauerin von berufswegen. Diese hatte an einem „Netzpolitischen Abend“ eine Vortrag zu einer Studie, die italienische und amerikanische Forscher zum Thema „The spreading of misinformation online“ durchgeführt hatten, gehalten. Der verkürzte Sukkus dieser Studie ist: „User tendieren dazu, sich in Communitys mit dem selben Interesse zu aggregieren, was zu einer Verstärkung des ‘Confirmation Bias‘ führt, zur Abgrenzung und zur Polarisierung. Dies schadet der Informationsqualität und führt zu einer starken Vermehrung von voreingenommenen Sichtweisen geschürt durch unbelegte Gerüchte, Misstrauen und Paranoia.“

Erschlagen von so viel anscheinend wissenschaftlicher Intelligenz, neigte ich fast dazu, der Argumentationslinie dieser Kapazunder zu folgen und meiner geliebten neuen Kommunikationswelt ein schlechtes Zeugnis auszustellen. Doch irgendetwas in mir sträubte sich dagegen und so beschloß ich, mir diese Argumente einmal genauer anzusehen:

Wenn Studien aus Ergebnissen zweifelhafte Schlüsse ziehen

In ihrer Studie „The spreading of misinformation online“ kommen die Autoren nach Auswertung von 32 Seiten auf Facebook, die sich mit Verschwörungstheorien beschäftigen, und der Analyse aller Posts dieser Seiten in den vergangenen fünf Jahren, zur dieser Conclusio:

Die breite Verfügbarkeit von User-Generated-Content in sozialen Online-Medien erleichtert die Aggregation von Menschen rund um gemeinsame Interessen, Weltbilder und Erzählungen. Das World Wide Web ist ein fruchtbares Umfeld für die massive Verbreitung ungeprüfter Gerüchte. In dieser Arbeit, …, zeigen wir, dass Informationen in Zusammenhang mit gewissen Erzählungen, Verschwörungstheorien und Wissenschaft homogene und polarisierte Gemeinschaften (dh Echo-Chambers) mit ähnlichen Informations-Konsummustern erzeugen.“

So weit so gut und so unspektakulär. Man ist fast versucht zu sagen, dass das Ergebnis der Studie ein „Na-no-na-ned“ ist. Natürlich verhalten sich Menschen im Netz auch nicht anders, als sie dies im realen Leben tun. „Schließlich tendieren Menschen dazu, Beziehungen mit ähnlichen, gleichgesinnten Individuen einzugehen. Personen mit unterschiedlicher sozialer oder kultureller Herkunft bleiben außen vor. Ergo sollten in homogeneren Gesellschaften dichtere Netzwerke entstehen.“ So sieht dies zumindest Nicole Seifferth-Schmidt in ihrer Dissertation „Die Theorie des Sozialkapitals und dessen empirische Genese und Wirkung in Deutschland“ (Technische Universität Illmenau, 2013).

Das von den italienischen und amerikanischen Forschern auf Facebook gefundene Verhaltensmuster ist also für die Spezies Mensch völlig normal, online wie offline.

Genausowenig ist die Tatsache, dass online besonders drastische, reißerische, untergriffige und aggresive Postings häufiger belohnt werden („Das muss man sich einmal durch den Kopf gehen lassen: Ist ein Kommentar untergriffig oder mit Beleidigungen gefüllt, kriegt er wahrscheinlich mehr Likes“), als ausgewogene, kein Hinweis auf eine besondere Verrohung im Netz. Wenn Sie das glauebn, dann bitte ich Sie, sich einmal in ein Bierzelt zu setzen oder einfach nur die Bild, die Kronenzeitung, Heute oder Österreich aufzuschlagen.

Frau Brodnigs monieren, dass es auch im Netz einen menschlichen Faktor gibt, „der dazu führt, dass die Schreihälse oft mehr wahrgenommen werden“, heisst an der Menschheit selbst zu verzweifeln. Genauso wie der Glaube, die Feststellung, dass eine faire Debatte „nicht automatisch“ passiert, veröffentlichen zu müssen, eine gewisse Überheblichkeit gegenüber der Denkfähigkeit der Leserschaft voraussetzt.

Sascha Lobos Verzweiflung

Sascha Lobo, einer der deutschsprachigen Vordenker im Netz, bringt die Ernüchterung, die uns erfasst, wenn wir die Kommentare in sozialen Medien lesen, auf den Punkt: „Man könnte mein Gefluche für einen Ausbruch halten, weil ich es nicht mehr ertrage, und das stimmt. Aber dahinter steckt auch eine Sorge, weil ich die breite Bevölkerung dieses Landes bisher für kognitiv geschmeidiger halten wollte.“

Solange wir noch nichts Gegenteiliges gelesen oder gehört haben, wollten wir einfach glauben, dass der Großteil unserer Mitbürger eine gewisse Grundintelligenz besitzt, also zwischen Dingen wie Korrelation und Kausalität unterscheiden kann, und ein gewisses Maß an Erziehung und Toleranz sein Eigen nennt, also Menschen nicht grundlos diffamiert, beleidigt, bedroht oder beschimpft.

Nun haben wir den Gegenbeweis auf unseren digitalen Schirmen. Aber nun das Internet oder Social Media für diesen Zustand verantwortlich zu machen, würde bedeuten den Boten zu erschießen. Den Mißbrauch von Kindern gab es auch früher. Er stieg nicht durch die Skandale, die aufgedeckt und in den Medien veröffentlicht wurden, an. Genauso haben sich auch bisher manche Zuseher von Armin Wolf gedacht „Du Stück Scheiße, fall tot um!“, nur hat er es persönlich eben fast nie gehört oder gelesen.

Ebenso trügerisch, wie die gerade beschriebene Hoffnung, war aber auch Sascha Lobos Idee, „dass diejenigen, die in demokratischer Weise über die Politik bestimmen, doch einigermaßen gewitzt seien.“ Das haben uns bereits viele Ereignisse, vom Aufstieg der Rechtspopulisten, bis zum sturen Festhalten an der Partei der Eltern, hinlänglich bewiesen.

Auch die Tatsache, dass der durchschnittliche Bildungsstand der deutschen Social-Media-Nutzer nicht höher ist, als der der Gesamtbevölkerung, ist für mich kein negatives Brandmal für unseren Nachbarn, sondern ein Beweis, dass im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, Social Media in Deutschland in der Mitte der Bevölkerung angekommen ist. Sorry, aber Deutschland ist so dumm! Das bedeutet aber nicht, dass die anderen Länder nicht ebenso dumm wären.

Social Media sind ein Kanal, nicht mehr und nicht weniger

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass wir uns selbst eingestehen müssen, dass der Hass und die Dummheit, die wir jeden Tag in den sozialen Netzwerken lesen, nicht dort entsteht, sondern tief in unserem Innern. Wir können diese Auswüchse nicht bekämpfen indem wir Kommunikationskanäle einschränken, zensieren oder gar schließen. Dann würden sich Hass und Dummheit einfach andere Ventile suchen. Wir dürfen die Verantwortung für die flächendeckende Verblödung der Bevölkerung nicht auf technische Vehikel abschieben, sondern müssen uns endlich klar machen, dass diese Dummheit täglich unter uns lebt. Nur dann können wir mit einer echten Therapie, also Aufklärung und Bildung, gegensteuern.

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Über Volker

From 2007 till the End of 2013, I was working as a PR-Consultant in Vienna. During my career in several different PR-Agencies, I´ve gained deep insights while working with major international brands like Mattel, Nespresso or UNIQA and important industrial groups like OMV. Since 2013 I am the Spokesperson for Private Banking at Bank Austria. I understand PR to be a translator between geek-speek and the common language. My other focus lies on the big change the internet and especially the social networks causes to PR and Marketing. These changes have effects both in the external as well as in the internal communications work
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