Datenparanoia und falsch verstandene Solidarität

Vor Kurzem stellte eine auch in Österreich tätige Versicherungsgesellschaft eine neue Aktion vor, bei der Kunden ihre Gesundheits- oder Fitnessdaten regelmäßig via APP an die Versicherung senden und damit Incentives wie günstigere Tarife, Rabatte bei Einkäufen etc. erhalten KÖNNEN. Alles freiwillig.
Die Idee wurde nicht neu geboren, sondern von der südafrikanischen Versicherungsgesellschaft „Discovery“ entwickelt und umgesetz.

Der in unserem datenparanoiden Kulturkreis zu erwartende Sturm der Entrüstung ließ nicht lange auf sich warten. Besonders die heimische Journaille, immer bemüht jeder Innovation die Verbindung zu einem weltweiten Netzwerk der Weltverschwörung nachzuweisen, schwang sich hinter ihre Keyboards und ritt heftige Attacken.

Auf einen der in diesem Zusammenhang am meisten geteilten Artikel, möchte ich hier im Detail Stellung nehmen:

Im Kommentar „Selbstkontrolle statt Solidarität“ stellt Lisa Mayr die Theorie auf, dass man mit diesem Modell indirekt gezwungen werde seine Daten frei zu geben, da man sonst bei seiner Versicherung schlechtere Konditionen bekommen werde, als andere, die dies tun. „Denn die Versicherungsmathematik wird kaum unterscheiden, ob ein Kunde ungesund lebt oder auf Datenschutz bedacht ist.“  – Diese Logik, dass nämlich Personen, über die die Versicherung unzureichende Daten hat, bei der Prämie bestraft werden, weitergedacht, bedeutet ja nur, dass wir derzeit alle bestraft werden, da die Versicherungen eben viel zu wenig über unsere Lebensweise wissen.

In weiterer Folge erklärt Frau Mayr uns dass durch dieses Innovation eingeläutete Ende der Solidarität. „Die Idee von Versicherungen war einmal, das Risiko des Einzelnen auf viele Menschen aufzuteilen.“  – Wenn ich, durch meine Versicherungsprämie bei der staatlichen Pflichtversicherung, die höher ist als sie als Nichtraucher sein müsste, die Prämie von Kettenrauchern niedrig halte, stellt das für manche vielleicht das solidarische Paradies dar. Ich finde das ja auch sehr solidarisch, von mir. Aber bitte wo bleibt da die Solidarität der Raucher??

Wenig verständlich wird die Argumentationskette für mich, wenn im nächsten Absatz, der individuelle Ansatz dieses Apps als „alle über einen Kamm scheren“ bezeichnet wird. „Die Versicherungsmathematik schert dabei alle über einen Kamm. Sie kennt keinen Kontext.“ – Also, was bitte will man? Ein „solidarisches“ System, das wirklich alle gleich behandelt, also „über einen Kamm schert“, oder eines, das auf die individuelle Lebenssituation abgestimmt ist?

Endgültig verwirrt war ich nach Lesen des Schlussabsatzes. Es beginnt mit der Feststellung, dass Gesundheit ein viel zu komplexes System ist, als dass es durch simple Daten erfasst werden könnte – „Nur etwa zehn Prozent unseres Erkrankungsrisiko werden durch unseren Lebensstil beeinflusst, den Rest erledigen soziale Faktoren wie Einkommen, Wohn- und Jobsituation.“ Als würden soziale Faktoren wie Einkommen, Wohn- und Jobsituation nicht unseren Lebensstil beeinflussen. Gesundes Verhalten ist stark vom sozialen Umfeld abhängig. Ein Umstand den man, wie die Autorin, als gottgegeben ansehen kann, oder den man durch Kampagnen, wie zum Beispiel der genannten, verändern kann.

Das „Finale Curioso“ folgt dann im kommenden Satz: „Dass ein Extremsportler vermutlich gefährlicher lebt als ein Anhänger der No-Sports-Philosophie – wurscht. Hauptsache, der Versicherer bekommt unsere Daten, um Kosten zu sparen und Gewinne zu maximieren.“ – Wie, frage ich mich, könnte denn der böse Versicherer Kosten sparen und Gewinne maximieren, wenn nicht dadurch, dass die Kunden weniger oft krank und/oder verletzt würden?

Mich fasziniert an diesem Beispiel, neben der sich mir in keiner Weise erschließenden Logik der Argumentationskette, vor allem die Tatsache, dass es im deutschsprachigen Raum eine so gewaltige Paranoia im Umgang mit unseren Daten besteht. Hinter jedem Datensammler sehen wir sofort böse Machenschaften und das obwohl wir freudig für ein paar Angebote beim nächsten Einkauf die Daten zu unserem persönlichen Einkaufsverhalten an jeder Supermarktkasse abgeben.

Wieso das so ist? Ich verstehe es leider nicht.

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Über Volker

From 2007 till the End of 2013, I was working as a PR-Consultant in Vienna. During my career in several different PR-Agencies, I´ve gained deep insights while working with major international brands like Mattel, Nespresso or UNIQA and important industrial groups like OMV. Since 2013 I am the Spokesperson for Private Banking at Bank Austria. I understand PR to be a translator between geek-speek and the common language. My other focus lies on the big change the internet and especially the social networks causes to PR and Marketing. These changes have effects both in the external as well as in the internal communications work
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