Niemand kann Informationen kontrollieren – Was selbst Obama und Bogocz nicht verstehen

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Vielleicht fragen Sie sich jetzt verwundert, „was bitte haben der amerikanische Präsident Obama und der Verlagschef des östereichischen News-Verlags Alex Bogocz gemeinsam?“.

Eigentlich für gewöhnlich nicht viel und ich erlaube mir einmal anzunehmen, dass sich die beiden Herren persönlich nicht kennen. Aber in Bezug auf ein Verständnis des Systems Web 2.0 haben die beiden Herren anscheinend dieselbe Ahnung, nämlich keine.Zumindest haben beide in der letzten Woche eindringlich bewiesen, dass sie den 1984 auf der ersten Hacker´s Conference niedergeschriebene Grundsatz „Information wants to be free“ bis heute nicht verstanden haben.

Die sinnlose Hexenjag auf Edward Snowden:Edward-Snowden-2

Ich will hier gar nicht versuchen die ethische Frage, ob Edward Snowden ein Held oder ein Verräter ist, zu lösen, obwohl ich mir als amerikanischer Staatsbürger bei den Aussagen von Außenminister John Kerry („an individual who threatened his country and put Americans at risk“) schon die Frage stellen würde, ob nicht eher undemoratische Handlungen der Regierung, die zudem internationales Völkerrecht mit Füßen treten, amerikanische Leben in Gefahr bringen. Mir geht es hier eher um die Frage, wie sinnvoll es für die Obama-Administration ist, nun zur weltweiten Hatz auf Snowden zu blasen.

ObamaBetrachten wir nüchtern die Möglichkeiten und Risiken dieser Aktion:

  • Möglichkeiten: Die Chance Snowden mitsamt der von ihm gestohlenen Daten zu erwischen ist gleich null. Das belastende Material hat er bereits auf verschiedensten Servern weltweit deponiert und er hatte bereits intensiven Kontakt mit WikiLeaks. Die beschähmende Geschichte durch Snowdens Inhaftierung verstummen zu lassen, ist gleichermaßen naiv. Bereits jetzt existieren genug Interviews und Videos von ihm und seine Enthüllungen verbreiten sich im Netz so schnell und weit, dass es selbst der NSA niemals gelingen kann jede Quelle zu schließen. Durch seine Inhaftierung eine abschreckende Wirkung zu erzielen, hat bereits bei Bradley Manning perfekt funktioniert. Hingegen könnte es bei der patriotisch-rechten Wählerschaft Pluspunkte einfahren, hier Stärke zu zeigen. Doch die war bisher eigentlich nicht Obamas Zielgruppe.
  • Risiken: Sämtliche Glaubwürdigkeit in Bezug auf Transparenz, Menschenrechte und Internet-Freihet zu verspielen ist Obama in dieser Causa, durch die Fokussierung auf die Jagd nach Snowden anstatt auf die Aufklärung des Prism-Skandals, hervorragend gelungen. Der Welt zu zeigen, dass die USA nur mehr ganz wenige Freunde haben, hat durch die Mißachtung aller US-Ansuchen durch Hong Kong, China und Rußland, auch perfekt geklappt. Zudem bietet Obama derzeit Herrn Putin eine perfekte Bühne um sich als strahlender Held der Meinungsfreiheit gegenüber den bösen USA darzustellen. Danke dafür von meiner Seite. Darüber hinaus schaffen es die USA derzeit mit ihren peinlichen Anstrengungen Snowden zu überführen, das Thema täglich in den Schlagzeilen zu halten. Ganz große PR-Show!

Bogocz knebelt News in vorauseilendem Gehorsam:3003_Bogocz_fuehrt_News

Am 25. Juni hatte ein naiver, an die journalistische Freiheit glaubender News Reporter ein Raiffeisen-kritisches Interview mit den Autoren des Buches „Schwarzbuch Raiffeisen“ auf der Online-Plattform des Magazins gepostet. Kurz darauf veranlasste der Verlagschef des zu 25,3% in Raiffeisen-Besitz stehenden News-Verlags die Löschung des Artikels. Eine kleine Online-Plattform namens Kobuk! hatte da aber schon eine Textversiuon des Artikels1016990609163-1024514003199_605532678258856369-379698546258669372-1-30-NA gesichert und verbreitete sie im Netz. In Windeseile machte die Kunde von Zensur und Gängelung via Twitter die Runde. Die APA, der Standard und ORF  hängten sich an die Story. Die Blamage war perfekt.

Auch hier will ich nicht über die Feigheit und Niedertracht einer solchen Aktion lamentieren, oder mich fragen, ob wirklich der News-Verlagschef selbst, oder nicht doch hohe Raiffeisengranden die Löschung befohlen haben (Ein Zitat von Raiffeisen-Chef Hameseder im Magazin Datum „Ein Eingreifen direkt bei den Redakteuren gibt es bei mir nicht, das hat auch Christian Konrad nicht gemacht. Ich spreche mit den Führungspersonen, also Herausgebern und Chefredakteuren. Die gehen dann damit um“ legt Zweiters nahe). Mich interessiert hier wieder, wie ein völliges Unverständnis der Netz-Gesellschaft dazu führen konnte, dass selbst große und abgebrühte Konzerne, wie Raiffeisen, eine so gewaltige Boomerang-Watschn einfahren konnten.

  • Löschung: Alleine der Versuch kritische Informationen, die bereits online waren, durch Löschen zu kontrollieren, zeigt jedem Web-2.0-affinen Menschen wie wenig Ahnung Verlage und/oder bäuerliche Großkonzerne von der heutigen Zeit haben. Bei solchen Aktionen ist praktisch immer ein Streisand-Effekt die Folge. Ein in News erscheinender Artikel, egal wie kritisch er sein mochte, hätte nie auch nur annähernd die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen, wie der Versuch der Vertuschung. Darüber hinaus beweisen News-Verlag und Raiffeisen durch diesen gescheiterten Versuch der Öffentlichkeit, dass an den Anschuldigungen wirklich viel dran sein muss.
  • Die Rechtfertigung: Nachdem der mediale Druck immer größer wurde, sah sich News-Chef Bogocz dann doch bemüßigt der APA gegenüber Stellung zu beziehen und sein Tun zu rechtfertigen. Er hätte es lieber sein lassen sollen. Sein an den Haaren von Rapunzel herbei gezogenes Argument, der Artikel hätte den „journalistischen Standards“ des Boulevard-Blatts News nicht entsprochen, erzeugte maximal herhafte Lachanfälle. Nicht nur ist es völlig unüblich bei einem Interview auch die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen und stellt News jede Woche schön unter Beweis, wie tief die journalistischen Standards dort sind, sondern sind selbst gröbste Verletzungen der journalistischen Standards maximal ein Grund für Repliken, aber nicht für Zensur. Außerdem frägt man sich, wie ein solch anscheinend minderwertiger Artikel die internen Prüfungen überstehen konnte. Durch seine hanebüchenen Aussagen, stärkte Bogocz nur noch die Gewissheit, dass es hier entweder von ihm eingebildeten oder echten Druck des Giebelkreuzes gegeben hatte.
  • Die Notbremse: Einen Tag nach dem PR-Desaster zog man in der Raiffeisen-Zentrale die Notbremse und veröffentlichte einen Link zu dem gelöschten News-Artikel auf der eigenen Webseite. Nicht jedoch ohne darauf hinzuweisen, dass „die Thesen und Aussagen der Autoren … teilweise nicht fundiert oder gänzlich falsch“ seien.  Klüger wäre es natürlich gewesen, wenn die Raiffeisen-Führung ihre Webseite dazu benutzt hätte sich einerseits von der vorauseilenden Zensur von Bogocz klar zu distanzieren und andererseits eine schnelle Aufklärung der Causa zu fordern. Aber nein, die Giebelkreuzritter entschlossen sich lieber auf die Autoren des Schwarzbuches einzuschlagen.

Wie bereits weiter oben festgehalten, möchte ich hier nicht auf die ethischen oder demokratiepolitischen Folgen der oben dargestellten Fälle eingehen. Dafür gibt es wahrlich berufenere Köpfe. Mich hat hier der weiterhin unveränderte Glaube an die Kontrollierbarkeit von Informationen fasziniert. Ich hoffe, dass ich mit den beiden gewählten Beispielen zeigen konnte, dass es heutzutage unmöglich ist eine Kontrolle, welcher Art auch immer über Informationen zu behalten und wie unsicher und stümperhaft Vertreter der alten „Gatekeeper-Info-Gesellschaft“, in der Infos über eine ausgewählte Elite an Journalisten verteilt wurden, die man nach Belieben konrollieren konnte, sich in der Welt des freien globalen Informationsaustausches bewegen.

Für mich liegt der Lerneffekt dieser Beispiele darin, dass Politik, Medien und Unternehmen schneller als bisher lernen müssen, offen und transparent mit Informationen umzugehen und unliebsame Informationen mit Argumenten und nicht mit Zensur oder Verfolgung zu begegnen. Wir leben in keiner schwarz-weissen Welt. Es gibt immer Argumente für und wider einer Sache, die Kunst, die besonders wir PR-Experten zu vermitteln suchen sollten liegt darin, seine Argumente verständlich, klar und einleuchtend zu vermitteln.

Nachtrag vom 16.07.2013:

Mein Bekannter, und nebenbei ein begnadeter Fotograf, Manfred Klimek, hat vor kurzen folgenden Satz auf Facebook gepostet: Die Obama-Adminstration hat völlig versagt. Nicht, weil sie Snowden unbarmherzig jagt, sondern weil sie einen gigantischen Antiamerikanismus junger, aufgeklärter Schichten in Kauf nimmt.“ – Ich finde das fasst das US PR-Desaster perfekt zusammen.

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Über Volker

From 2007 till the End of 2013, I was working as a PR-Consultant in Vienna. During my career in several different PR-Agencies, I´ve gained deep insights while working with major international brands like Mattel, Nespresso or UNIQA and important industrial groups like OMV. Since 2013 I am the Spokesperson for Private Banking at Bank Austria. I understand PR to be a translator between geek-speek and the common language. My other focus lies on the big change the internet and especially the social networks causes to PR and Marketing. These changes have effects both in the external as well as in the internal communications work
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