Volksbefragung Bundesheer – 5 Todsünden der Kommunikation

Haben Sie sich, wie ich, auch schon einmal gefragt, wie man es zustande bringt, dass die Bevölkerung eines der reichsten Staaten dieser Erde, die nicht gerade weltbekannt für ihre altruistischen Handlungen ist, bei der Frage, ob man weierhin ein halbes Jahr Frohndienst unter Zwang und Geschrei ertragen will oder nicht, mehrheitlich mit Ja stimmt?

Also, wenn Sie hier weiterlesen, haben Sie sich diese Frage auch schon einmal gestellt. Es ist ja wirklich nicht nur spektakulär, sondern geradezu artistisch, wie hier eine unserer Regierungsparteien, bei einem politischen Elfmeter, nicht nur nicht das gegnerische Tor getroffen hat, sondern dabei sogar ein Eigentor erzielte und sich selbst in den Hinern getreten hat.

Wie haben die das bloß geschafft?

Ich denke, es hat damit zu tun, dass man eben nicht nur das Richtige wollen muss, man muss es auch richtig kommunizieren und dabei hat die SPÖ etliche wahrhaftige Todsünden der Kommunikation begangen. Einige davon will ich hier auflisten:

  1. Halte deine Wähler uninformiert und dumm:
    Die Idee, das Volk über die Beibehaltung oder Abschaffung der Wehplficht abstimmen zu lassen, mag ja wirklich löblich gewesen sein und die Lehren von James Surowiecki (Die Weisheit der Vielen) besagen ja auch, dass die Masse oft klügere Entscheidungen trifft als eine Elite. ABER was hier vergessen wurde, ist der Zusatz in Surowieckis These. Die „Schwarmweisheit“ funktioniert nämlich nur, wenn alle Mitglieder dieses Schwarms über alle Informationen verfügen und zudem unbeeinflusst voneinander abstimmen können. Die SPÖ hatte die Idee zu dieser Volksbefragung, fand es aber nie der Mühe wert, die Wähler über die Argumente für oder gegen ein Berfusheer zu informieren. Ich denke, man rechnete damit, dass der Wähler sich dadurch nur zwischen Präsenzdienst und Freizeit enscheiden können würde und die Wahl somit eine gemähte Wiese wäre. Dieser Schuß ging, das wissen wir jetzt, kolossal nach hinten los, denn durch die Uninformiertheit der Wähler wurde es dem politischen Gegner sehr viel einfacher gemacht, offensichtlich nicht verknüpfte Themen in einen Topf zu werfen. Darüber hinaus bleibt der schale Beigeschmack, dass man das mit der direkten Demokratie, die natürlich einen mündigen und damit informierten Bürger benötigt, sowieso nie ernst gemeint hatte.
  2. Biete eine Fahrt im führerlosen Kreuzfahrtschiff an:
    Wie Menschen hassen Veränderungen. Wie fürchten uns vor dem unbekannten Land, das sich hinter der verrauten Schwelle ausbreitet. Daher ist es enorm wichtig, wenn ich will, dass mir Menschen ins Neue und Unbekannte folgen, dass ich ihnen die Sicherheit eines Plans biete. Man nennt das auch das Kapitäns-Prinzip. Solange die Crew eines Schiffes das Gefühl hat, der Kapitän weiss wohin es geht, behält sie auch im stärksten Sturm die Nerven. Zeigt der Kapitän aber Unsicherheit und Orientierungslosigkeit, ist die Meuterei vorprogrammiert. Bei der Volksbefragung zur Zukunft des Bundesheeres, wollte die SPÖ einen völlig neuen Weg beschreiten, während die ÖVP auf Altbewährtes setzte. Wiederum gereichte das völlige Fehlen von Zukunftskonzepten auf beiden Seiten, der ÖVP, die ja vom Wähler nicht verlangte die ausgetretenen Pfade zu verlassen, zum Vorteil.
  3. Sei uneinig und sende möglichst viele sich widersprechende Signale aus:
    An das Kapitänsprinzip knüpft auch das normale Gesetz der Autorität an. Wer will, dass Menschen einem folgen, der muss führen. Und wir folgen nun einmal am liebsten den Typen, die Selbstsicherheit ausstrahlen. Zweifeln geht da gar nicht. Nachdem weder SPÖ noch ÖVP charismatische Führungspersönlichkeiten in den Wahlkampf geworfen haben, mussten hier die Parteien als Führungspersonen herhalten. Und hier hat die Einigkeit der ÖVP sehr viel mehr Selbstsicherheit ausgestrahlt, als die Uneinigkeit der SPÖ. Abweichungen von der Parteilinie, so deokratisch wichtig dies auch sein muss, vermittelten dem Wähler Zweifel an der eigenen Position und das ist Gift für Führungsverantwortung.
  4. Stelle eine Frage, aber sag bloß nie was Du genau wissen willst:
    Wenn ich in der Wahlkabine nur die Möglichkeit habe ein Kreuz in eines von zwei Kästchen zu machen, ist es für mich unmöglich vielschichtige oder komplexe Fragestellungen zu beantworten. Alles dort läuft auf eine ganz einfache Entscheidungsfrage hinaus. Die klare Entscheidungsfrage diesmal hätte lauten müssen: „Wollen Sie die Beibehaltung der Wehrpflicht, oder die Umwandlung des Bundesheeres in ein Berufsheer?“ Statt dessen wurden die Verhandler der SPÖ von den ÖVP Unterhändlern vollends über den Tisch gezogen. Denn die Verlinkung der Wehrpflichtfrage mit der Zukunft des Zivildienstes führte dazu, dass am Wahltag mehr als 60% der Befragten über die Entscheidungsfrage „Wollen Sie auch in Zukunft Zivildiener und Katastrophenschutz haben, oder nicht“ abstimmten. Nicht einmal in der gesamten Vorwahldebatte hat auch nur ein einziges SPÖ-Regierungsmitglied gesagt, dass es ja auch neben einem Berufsheer ein Sozialjahr/Zivildienst geben kann. Die Idee mit dem freiwilligen Sozialjahr war dabei sowas von utopisch naiv, dass es schon zum Schmunzeln anregt.
  5. Beschimpfe deine Wähler:
    Es kommt nie gut an, wenn ich den Menschen, die ich zur Wahl bitte, sage, dass sie nutzlos sind. Aber genau das hat die SPÖ gemacht. Während die ÖVP (ebenfalls höchst unglaubwürdig) begann ein Hohelied auf alle Präsenz- und Zivildiener zu singen, hörte man von der SPÖ, dass Präsenzdiener beim Heer sowieso nur sinnlose Arbeiten, die keiner brauche, verrichten würden und die Arbeit von Zivildienern auch viel besser und effizienter von Profis gemacht werden könnte. Auch wenn das alles stimmen mag, mag das kein Zivil- oder Präsenzdiener, der sowieso gerade gerne woanders wäre, hören. Und die Mütter, Väter und Großeltern dieser Zivil- und Präsenzdiener wollen auch nicht hören, dass ihr Sohn oder Enkel völlig nutzlos ist.

Zusammenfassend möchte ich, abseits von aller persönlichen politischen Überzeugung, damit sagen, dass bei dieser Volksbefragung der Wähler weder wegen der besseren Argumente, des besseren Konzeptes (gab ja auf beiden Seiten keines), noch wegen der charismatischeren Parteiführer entschieden hat, sondern dass diesmal eine Partei, die SPÖ, so viele kommunikationstechnische Todsünden begangen hat, dass der Wähler nicht anders konnte als sich für die andere Variante zu entscheiden.

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Über Volker

From 2007 till the End of 2013, I was working as a PR-Consultant in Vienna. During my career in several different PR-Agencies, I´ve gained deep insights while working with major international brands like Mattel, Nespresso or UNIQA and important industrial groups like OMV. Since 2013 I am the Spokesperson for Private Banking at Bank Austria. I understand PR to be a translator between geek-speek and the common language. My other focus lies on the big change the internet and especially the social networks causes to PR and Marketing. These changes have effects both in the external as well as in the internal communications work
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