User Generated Content – Todesurteil für den Qualitätsjournalismus oder sinnvolles Einbinden der Leserschaft

Vor kurzem hatte ich wieder einmal so eine meiner spontanen Jahrhundertideen. Das sind Ideen, die mir aus dem Nichts zuzufliegen scheinen und die ich zumindest für die nächsten 24 Stunden als mehr als genial betrachte. Erst nach dieser Phase der Selbstbeweihräucherung werfe ich einen objektiven Blick auf meine geistigen Ergüsse und schätze sie realistisch ein.

Also, wie bereits erwähnt, hatte ich vor kurzem erneut einen solchen Geisteblitz. Ich hatte beschlossen, mit Freunden meine Zeit hier in Australien auch dazu zu nutzen, einen Segeltörn bei den Whitsundays zu machen.
Da ich wenig über das Gebiet und die Chartermöglichkeiten wusste, musste ich mich erst ordentlich einlesen. Dabei kam mir die Idee, das Wissen, das ich über dieses Gebiet gewonnen hatte sowie meine Erlebnisse von diesem Törn, als Bericht nieder zu schreiben.

Als nächstes kontaktierte ich den Chefredakteur von Österreichs größtem Wassersportmagazin, einen alten Bekannten und Freund, und bot ihm meine Idee zur Veröffentlichung an.

Seine Antwort war dann doch recht ernüchternd für mich und soll hier auch niemandem vorenthalten werden: „Du hast wahrscheinlich null Ahnung vom Schreiben von Revierreports, kannst nicht wirklich gut fotografieren und unsere Honorare sind sauschlecht, das sind alles zusammen keine guten Voraussetzungen.“

Natürlich war ich erst einmal in meiner Ehre gekrängt. Doch erstens geht es in diesem Blog nicht um meine persönlichen Befindlichkeiten und zweitens musste ich den meisten seiner Argumente nach Ablauf meiner Schmoll-Phase doch Recht geben: Ich hatte keinerlei Erfahrung im Verfassen von Revierreports, konnte weder gut fotografieren noch war ich im Besitz einer professionellen Kamera und auf ein Honorar war ich sowieso nicht aus.

Nach einigem Hin- und Herüberlegen stellten sich mir jedoch trotzdem einige Fragen die über meine Person hinausgingen und den generellen Anspruch von Magazinen in der heutigen Zeit hinterfragen.

Viele Redakteure sehen sich nach wie vor als „Hüter der Qualität“, als „Gatekeeper der Information“. In der Ansicht vieler Journalisten ist es ihre Aufgabe aus dem Überfluss an Informationen „das Wichtige“, das „Wertvolle“ auszuwählen und uns armer Masse an Unwissenden zu präsentieren.

So sieht das nach wie vor auch die akademische Journalismus-Elite: „Eine basale Qualitätsanforderung in diesem Bereich ist folgende: Informationen zu Gesundheit, Finanzen, Recht, aber auch zu schlichten Themen wie Freizeit und Heimwerken müssen von Journalisen geprüft sein…“ (Dr. Volker Lilienthal, Augstein-Stiftungsprofessur an der Universität Hamburg, 01.07.09)

Soviel zum Traum- bzw. Eigenbild der Journalistenzunft, doch wie sieht die Realität aus?

    • 90% der Konsumenten vertrauen Empfehlungen von Social-Media-Kontakten! (Erik Qualman)
    • Nur 14% der Konsumenten vertrauen Informationen aus der Werbung! (Erik Qualman)
    • Lediglich 19% der Konsumenten vertrauen Informationen aus Zeitungen! (Institut für Demoskopie Allensbach, 2002)
    • Und nur 10% der Konsumenten vertrauen Berichten aus Lifestyle-Zeitschriften! (YaaCool-Umfrage)

„Dass die Verbraucher den Berichten sogenannter Lifestyle-Zeitschriften mit nur zehn Prozent aber noch weniger trauen als der Werbung, ist mehr als eine Überraschung! Das heißt, dass diese Blätter keine Rolle als seriöse Informationsquelle bei den Deutschen spielen.“ (YaaCool-Umfrage)

Bei genauerer Betrachtung ist dies jedoch nicht so überraschend wie es auf den ersten Blick scheinen mag.

  • Für einen Gastronomen sind die Bewertungen von tatsächlichen Gästen, die für ihr Essen bezahlt haben und ihre Erfahrungen Online oder in „Publikumsführern“ an mögliche zukünftige Gäste richten, natürlich viel wertvoller als 4 Hauben von Gault Millau oder 3 Sterne vom Gudie Michelin. Besonders wenn den Bewertungen dieser „Institutionen“ immer weniger Vertrauen entgegengebracht wird.
  • Die Kommentare auf Hotel-Buchungsseiten sind für kundenorientierte Hoteliers um einiges aussagekräftiger als die Sterne, die die Hoteliersvereinigung ihren eigenen Mitgliedern verleiht.
  • Und es ist für mich auch um einiges interessanter, was ein normaler Kunde, wie ich, über das neue Smartphone, den neuen Sportwagen oder den neuen Daysailer denkt.

Warum sollte es mich auch kümmern, was Journalisten über all diese Dinge denken? Welche Qualifikation, welche Ausbildung haben sie, die sie befähigt für mich eine Vorauswahl zu treffen?

Was sollten Journalisten in der Zeit des Web 2.0 und mit dem veränderten Informationskonsum ihrer Leserschaft tun?

Embrace them!!!
Bindet die Leserschaft ein! Respektiert ihre Meinung und gebt ihnen eine Plattform um sich untereinander zu verbinden und auszutauschen.
Damit meine ich keineswegs die verkümmerten „Leserbrief“-Seiten, erneut eine handverlesene Auswahl von Leserstimmen, sondern Plattformen auf denen LeserInnen Inhalte veröffentlichen können und sich unterneinander verbinden können.
=> Social-Media-Plattformen!

facebook, twitter und Co. haben die LeserInnen klassischer Zeitschriften gestohlen. Es ist Zeit diese zurückzugewinnen. Doch um dies zu bewerkstelligen, müssen Verlage und Redaktionen sich ernsthaft damit auseinandersetzen, was der Leser will und nicht was die Redaktion will.

Aussagen wie folgende von Karen Heumann, Strategievorstand bei „Jung von Matt“, in der ZEIT –  „Man darf seine Leser nicht daran gewöhnen, dass sie nicht alles glauben können. Dann hört man auf, vierte Gewalt zu sein“ – zeugen nur von der unglaublichen Angst vor dem Kontrollverlust und von der Angst von PR- und Werbetreibenden, die Annehmlichkeit einer kleinen Gruppe von Ansprechpersonen zu verlieren.

Warum können die Zeitschriften von morgen nicht Sammelplattformen von Meinungen sein? Aber nicht von Meinungen einer selbsternannten kleinen Elite, sondern von Meinungen von Lesern?

Um zu meinem Beispiel mit dem Wassersportmagazin zurückzukehren, möchte ich hier noch einmal klarstellen, dass die Entscheidung keinen Törnbericht von mir zu akzeptieren, sicherlich die richtige war. Ich bin bei Gott kein erfahrener Törnsegler, aber ich kenne Segler, die sicherlich mehr Erfahrung und Expertise im Durchführen von Törns in exotischen Gegenden haben, als die gesamte Redaktion des erwähnten Magazins zusammen.
So wie ich sicherlich eine profundere Meinung zum Deckslayout einer neuen Regattayacht geben könnte.

Dabei wäre es so einfach:
Sobald die Redaktion verstanden hätte, dass ihre Mitglieder nicht mehr die Hüter des Inforamtionsgrals sind, könnte sie eine Wiki-Plattform auf der Webseite des Magazins installieren. Dort könnten Törn-Enthusiasten die Erfahrungsberichte ihrer letzten Segelreisen hochladen. Andere Leser würden diese Berichte lesen, revidieren und nach Notwendigkeit überarbeiten. (siehe Beitrag über Wikipedia hier)!

Vorteile:

  • In kürzester Zeit würden Berichte über extrem viele Reviere eingestellt werden.
  • Durch die Erfahrungen vieler Segler würden die Berichte viel objektiver werden.
  • Dadurch würden die Segler diesen Berichten sehr hohes Vertrauen entgegenbringen und die Seite als einen Hauptanlaufspunkt ihrer Webrecherchen machen.
  • Dies würde die Webseite des Magazins zum Zentrum einer großen aktiven Community machen und dem Magazin selbst in der Community extrem hohe Galubwürdigkeit verleihen.
  • Da der „Revier-Wiki“ zu einem Hauptanlaufpunkt für Törn-Recherchen werden würde, könnte das Magazin Anzeigen dort zu sehr guten Konditionen verkaufen.
  • Die LeserInnen würden die Berichte selbst erstellen, recherchieren, hochladen und revidieren. Die Kosten für das Magazin würden ins Bodenlose fallen.

Nachteile:

  • Die literarische Qualität der Artikel, vielleicht die Orthographie und die Qualität der Fotos würden leiden.

Doch die Redaktion könnte durch einfaches Auslesen der Webstatistik erfassen, welche Reviere besonders aktiv beschrieben und diskutiert werden. Dann könnte die Redaktion einen Journalisten dorthin entsenden und beschriebene Tips, Lokale und Orte besuchen lassen. Dieser Redakteur würde professionelle Fotos machen und danach einen literarisch wertvollen Artikel verfassen, der sich auf die Expertise von hunderten LeserInnen stützen würde.

Wem würde dabei ein Zacken aus der Krone fallen?

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Über Volker

From 2007 till the End of 2013, I was working as a PR-Consultant in Vienna. During my career in several different PR-Agencies, I´ve gained deep insights while working with major international brands like Mattel, Nespresso or UNIQA and important industrial groups like OMV. Since 2013 I am the Spokesperson for Private Banking at Bank Austria. I understand PR to be a translator between geek-speek and the common language. My other focus lies on the big change the internet and especially the social networks causes to PR and Marketing. These changes have effects both in the external as well as in the internal communications work
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