Warum ist Wikipedia weniger „würdig“ in der akademischen Welt?

Nach wie vor verbieten viele akademische Einrichtungen in Österreich (und weltweit) das Zitieren aus Wikipedia. und ich frage mich warum das so ist?
Das am weitest verbreitete Argument gegen die Verwendung von Wikipedia-Zitaten hört sich meist so an: „So toll Wikipedia auch ist, nachdem hier jeder Beliebiges reinschreiben kann, eignet es sich kaum zum Belegen wissenschaftlicher Wahrheiten.“ (Dipl.-Ing. Herbert Haas, Hurra, ich schreibe eine Diplomarbeit, 2009, www.perihel.at/666/da.html#das-kreuz-mit-dem-zitieren )
Die meisten staatlichen, akademischen Einrichtungen, erachten Wikipedia nach wie vor, als für „wissenschaftliche Arbeiten nicht geeignete Quellen“ aus denen „in der Regel nicht zitiert werden kann.“ (Institut für Unternehmensführung, WU-Wien, Hinweise für die Erstellung von Diplomarbeiten, 2009).
Dabei zeugt eine solche Aussage nur von einem völligen Unverständnis der Arbeitsweise eines WIKIs.
Ein WIKI baut auf der Philosophie der kollektiven Intelligenz, oder wie es Google-Gründer Larry Page formulierte, der „wisdom of crowds“ auf. Page, der Google im Übrigen auf derselben Grundphilosophie aufgebaut hat, bezieht sich bei seiner Aussage wiederum auf das Buch „The Wisdom of Crowds“ (James Surowiecki, The Wisdom of Crowds. Why the many are smarter than few and how collective wisdom shapes businesses, economies, societies and nations, 2004), in dem argumentiert wird, dass die Kumulation von Informationen in Gruppen zu gemeinsamen Gruppenentscheidungen führen, die besser sind als Lösungsansätze einzelner Teilnehmer.
Wikipedia geht in keiner Phase davon aus, dass der einzelne User, der einen bestimmten Artikel zu einem Fachgebiet veröffentlicht, ein Experte oder gar Der Experte auf diesem Gebiet ist. Wikipedia geht davon aus, dass Artikel, die Fachgebiete von Interesse betreffen, von vielen anderen Usern gelesen werden. Diese User können und werden diesen Artikel dann auf seine Richtigkeit und Genauigkeit hin überprüfen und, so diese nicht gegeben ist, den Artikel an den entsprechenden Stellen bearbeiten, ergänzen oder abändern.
Sollte ein Artikel, oder auch nur Abschnitte eines Artikels, nur wenige Rezensionen erhalten haben, weist Wikipedia mit diesem Symbol
daruf hin.
So arbeiteten bis 2009 an der deutschsprachigen Ausgabe von Wikipedia bereits 6.700 Autoren und 1.016.000 angemeldete User (User, die sich zum Abändern/Ergänzen eines Artikels anmelden mussten) mit. (Stand 31. Oktober 2009).  Diese unvergleichliche Zahl an Autoren und „Lektoren“ ermöglicht es Wikipedia in Fachartikeln, die über Bereiche von großem Interesse berichten, bereits genauer zu sein als Fachlexika.
Zu diesem Schluß kam 2005 auch das renommierte Journal „Nature“, als es Wikipedia gegen das größte Lexikon der englischsprachigen Welt, die Encyclopaedia Britannica“, testete. In einem Blindtest legte Nature 50 weltweit anerkannten Experten verschiedener Fachbereiche, jeweils einen Artikel aus Wikipedia sowie einen Artikel aus der Encyclopaedia Britannica vor. Die Experten sollten die Artikel, von denen sie nicht wussten, welcher Artikel aus welcher Quelle stammte, auf eindeutige Fehler untersuchen. Das Ergebnis war ausgeglichen. Wikipedia als auch die Encyclopaedia Britannica wiesen je 4 gravierende Fehler in 50 verschiedenen Artikeln auf (Jim Giles, Internet Encyclopaedias go Head to Head, Nature, 2005). Dieses Experiment wurde in den folgenden Jahren von Günter Schuler (Wikipedia Inside, 2007) sowie von Götz Hamann (Die Zeit, 2009) wiederholt und bestätigt.
Alle drei Experimente zeigten deutlich, dass das Prinzip der „Wisdom of Crowds“ von Wikipedia, zwar bei Artikeln über extreme Nischendisziplinen den Experten der klassischen Lexika unterlegen ist, bei Artikeln von allgemeiner Bedeutung aber deutlich mehr Expertenwissen und Überprüfung bieten kann.
Im Licht dieser Erkenntnisse würde ich von unseren akademischen Einrichtungen nichts weniger erwarten, als die „wissenschaftliche Wahrheit“ der Überlegenheit der „Wisdom of Crowds“ endlich anzuerkennen und Wikipedia vom Index der akademischen Inquisition zu streichen.

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Über Volker

From 2007 till the End of 2013, I was working as a PR-Consultant in Vienna. During my career in several different PR-Agencies, I´ve gained deep insights while working with major international brands like Mattel, Nespresso or UNIQA and important industrial groups like OMV. Since 2013 I am the Spokesperson for Private Banking at Bank Austria. I understand PR to be a translator between geek-speek and the common language. My other focus lies on the big change the internet and especially the social networks causes to PR and Marketing. These changes have effects both in the external as well as in the internal communications work
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